REZENSION

von Karin Hahn

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Edna Mazya: Über mich sprechen wir ein andermal, Kiepenheuer & Witsch, Köln 2008, 432 Seiten, €19,95

Die Israelin Nomi Keller lebt ein eigenständiges Leben als Erbin eines kleinen Verlages und Liebhaberin des auf seine Unabhängigkeit pochenden irischen Regisseurs Kirin, der die ganze Welt bereist. Sie redet sich tapfer ein, dass sie mit Ende 40 glücklich ist. Oder doch eher nicht? Ist da nicht die Sehnsucht nach Zweisamkeit, Offenheit, Ehrlichkeit und vor allem Vertrauen? Kirin sperrt sich. Er weicht aus, wenn Probleme in der Luft liegen. Immer wieder kreisen seine Gedanken um schwierige Proben und die Arbeit. Nomi spürt die langsame Entfremdung und beginnt über das eigene Dasein nachzudenken. Warum haben ihre Eltern sie verlassen? Aus welchem Grund kann sie die Tagebücher ihrer Großmutter Ruth, die in Wien geboren wurde, nicht lesen? Als sich Nomi mit Kirin in Wien trifft, überwindet sie ihre Angst, liest die Aufzeichnungen und stellt sich so ihrer Vergangenheit.

Die überaus attraktive, egozentrische Ruth heiratet den Physikprofessor Otto Stein, bekommt ihre Tochter Anuschka und verliert sich in einer romantischen Liebesgeschichte zu Robert Keller. Als Keller ihr den Ausbruch aus ihrer langatmigen Ehe anbietet, greift sie zu und wird im selben Augenblick von dem unsteten Geliebten verlassen. Jahre später wird sie ihn als den künftigen Ehemann ihrer Tochter Anuschka wiedersehen. Anuschka trifft Robert in Palästina. Die Familie ist nach der so genannten Kristallnacht aus Europa geflohen, ohne Tante Mathilda. Anuschka wird von ihrer Mutter vernachlässigt, erträgt die Streitereien der Eltern, die quälende Ehe nicht mehr ( auch Otto wollte sich in Heidelberg trennen) und löst sich aus ihrer Familie. Anuschka wird Mutter und bringt Nomi zur Welt, doch sie und Robert haben sich den fanatischen Idealen der kommunistischen Partei unterworfen. Das Persönliche bleibt außen vor und Nomi muss unter der jungen, sich altruistisch gebenden Mutter verkümmern. Die Verhaltensmuster wiederholen sich schmerzlich. Ohne ihr Kind, dass sie in die Obhut von Ruth gibt, geht Anuschka in die Sowjetunion. Nomis Eltern, deren Zuneigung zum eigenen Kind im Ungewissen bleibt, verabschieden sich früh aus ihrem Leben. Ruth macht ihre früheren Fehler wieder gut und gibt all ihre Liebe der Enkeltochter.

Ein aufregendes Buch voller Wendungen und Katastrophen, private wie weltpolitische. Es geht um vergeudete Liebe, Zeitverlust, tiefe Emotionen und Veränderungen und Entwicklungen, die fast unmöglich scheinen. Auch Nomi wird nach der langen intensiven Lektüre zu dem finden, was sie wirklich vom Leben will. Die Tagebücher der Großmutter werden ihr helfen. Spannend komponierter Drei-Generationen-Roman über ungewöhnliche Frauen!


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