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von Karin Hahn

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Betül Licht: In meiner Not rief ich die Eule, Eine junge Türkin in Deutschland, Hoffmann&Campe Verlag, Hamburg 2008, 256 Seiten, €19,95

Fatma schreibt ihrer Freundin, der Autorin Betül Licht. Ausgangspunkt ist der Tod des Vaters, eine einschneidende Erfahrung, die Erinnerungen wachruft. Beide stammen aus der Türkei, beide haben deutsche Ehemänner und fühlen sich miteinander verbunden.

Als Fatmas Eltern, die in der Türkei ein durchaus gutes Leben hatten, den Entschluss fassten nach Deutschland zu gehen, zerbricht ihre Kindheit. Fatma muss mit den Geschwistern zuerst in Istanbul bleiben. Von der Großmutter wird das Mädchen geschlagen als hätte sie Schuld am Verfall der Familie. In Deutschland angekommen sitzt Fatma immer zwischen den Stühlen. „Wie sollte ich alles, was ich in mir, mit mir in ein fremdes Land gebracht hatte, leben, wenn das Leben von Außen völlig anders war?“

Niemandem kann sie es recht machen, nicht ihrer Großmutter, die die Kinder vor den Ungläubigen außerhalb der Wohnung schützen muss und das Einhalten der Regeln und Gebräuche des Koran von den Kindern einfordert und strengstens überwacht, nicht der unzufriedenen Mutter, auf deren Betreiben die Familie einst ins Ausland ging.

Fatma wird der Prellbock für den Bruder und sie durchlebt ein nicht enden wollendes Matyrium als sie in die Pupertät kommt. Wie ein Kind all dies ertragen kann, ist unvorstellbar? Unvorstellbar sind aber auch die Zustände in der Familie. Weder Vater noch Mutter haben ein Ohr für die Kinder, noch deren Probleme. Krampfhaft versuchen sie sich anzupassen, nicht aufzufallen und verstehen doch ihre Umwelt nicht. Fatma spürt keine Zuneigung oder Wärme, keine Achtung. Niemals hätten die Eltern sich ihre Ängste eingestehen können, dass sie ihre Kinder und sich selbst entwurzelt hatten. Auch wenn die Eltern viel länger geblieben sind als sie je wollten, sind sie in der neuen Heimat nie angekommen. Wie ein Kessel unter Druck explodieren die Erwachsenen bei Krisen und jeder Störung, die ihrer Planung im Wege steht. Sie reagieren mit physischer und psychischer Gewalt. Die Distanz zur deutschen Umwelt – auch aufgrund des islamischen Glaubens - wird von der Familie aus forciert. An diesen Stellen regt sich aber auch der Unmut des Lesers, denn diese vehemente und pauschale Ablehnung der deutschen „unreinen“ Gesellschaft bestätigt bei undifferenziertem Blick auch die gegenwärtig existierenden Vorurteile gegen türkische Familien, in denen neuerdings die Mädchen, aus eigenem Willen oder nicht, bereits sehr früh Kopftücher (auch wenn es der Koran angeblich nicht vorschreibt und der Vater nichts einfordern kann) tragen. Fatma fühlt in jeder Situation Scham, immer die Angst, die Ehre der Familie beschmutzt zu haben, ein von der Familie eingeredetes Misstrauen gegen jedermann. Sie kann sich nicht von den Jahre lang eingeprügelten Regeln der Erwachsenen frei machen, auch wenn es Menschen, eine deutsche Lehrerin oder ein deutscher Arzt gibt, die Fatma nicht enttäuschen. Fatma hat kaum Kontakte zu deutschen Mitschülern, sie bleibt isoliert in Zeiten, wo der Austausch mit Gleichaltrigen lebensnotwendig wäre. Sie verschließt sich ihrer Familie, ihrer Umgebung. Völlig überfordert mit Schule, Haushalt und der eigenen Unzulänglichkeit wird Fatma dickleibig, sie verstummt zunehmend und ist suizidgefährdet. Aber Fatma kann die bildungsfernen Eltern auch nicht nach Hintergründen die eigene Kultur betreffend fragen, z.B. das schmerzhafte Entfernen der Haare am ganzen Körper und andere Rituale.

Ohne ihr handeln enttäuscht die Tochter ihre Eltern in jeder Beziehung. Sie ist die Übersetzerin der Familie und kann die schulischen Erwartungen nicht erfüllen. Sie wird mit 14 Jahren mit Worten wie Hure oder Schlampe in der eigenen Familie betitelt, obwohl sie nicht mal weiß, was das bedeutet. „Zu einem Stück Dreck war ich geworden, ohne je gegen die religiösen Regeln und Gebote verstoßen zu haben.“ Dem Kampf der beiden Welten und ihrer inneren Zerrissenheit musste Fatma gnadenlos unterliegen. Ihre Suche nach der eigenen Identität beginnt mit ihren Briefen.

Betül Licht ist es zu verdanken, dass jeder Leser, der sich auf diesen Text einlässt, Einblicke gewinnt in türkische Familienstrukturen und das Denken und Fühlen der so genannten Gastarbeiter, der ersten Generation türkischer Einwanderer. Mag das Leben der deutsch-türkischen Bevölkerung heute auch anders sein, das Erschreckende an dieser Lektüre ist, dass man heute nach gut 40 Jahren zum Teil nicht den Eindruck gewinnen kann, dass sich irgendetwas entscheidendes verändert hat. Die zunehmende Religiösität, die ebenso zu einer Abgrenzung führt, spielt eine weitere Rolle für die Fremdheit, die sich zwischen den Bevölkerungsgruppen weiterhin auftürmt.

Betül Lichts bedrückende Geschichte wirbt für Verständnis, gibt schonungslose Einblicke und öffnet eine schmale Tür zum Nachbarn.


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